Die Nase vorn - Wacker Chemie AG


Die Nase vorn

Als erster Tuft-Teppichhersteller weltweit beschichtet die niederländische Firma Edel Group die Rücken ihrer Teppiche jetzt mit Compounds, die vollständig auf VAE-Dispersionen der Marke VINNAPAS® basieren. VAE-Bindemittel haben gegenüber dem bisher verwendeten Latex eine Reihe von Vorteilen: Sie emittieren kaum flüchtige organische Stoffe, sind schwerer entflammbar, leicht zu verarbeiten – und nahezu geruchsfrei.

Er riecht nicht. Jedenfalls nicht einfach so, wie neuer Teppich normalerweise riecht. Dabei kommt er direkt aus der Fabrik, der schokoladenbraune, superweiche Kuschelteppich aus Polyamid-Kunstfasern, Modell Pamina, den der Verkäufer von Edel auf der Heimtextilienmesse Domotex in Hannover seinen Kunden präsentiert. Dieser Bodenbelag ist nur ein Beispiel für Edel Groups neue Reihe von Teppichen, die mit einer Rückenbeschichtung auf Basis von 100 Prozent Vinyl-Acetat-Ethylen-Dispersionen (VAE) ausgerüstet sind. Edel Group vermarktet diese neuen Teppichrückenbeschichtungen unter dem Markennamen „Ceneva®“. Und dieses Bindemittel macht den Unterschied – auch was den Geruch betrifft.

Edel-Group-Einkäufer Willem van der Meer (l.) und Robert Tangelder, Business Development Manager von WACKER, überzeugen sich von der Qualität des fertigen Teppichs.

„Auf den ersten Blick sehen unsere Kunden keine Veränderung“, sagt Dr. Mike de Lange, Produktionschef bei Edel Backing, einem Teil der niederländischen Edel Group. Der Teppichrücken sieht so aus wie immer. Er hält den Teppich zusammen und sorgt dafür, dass sich auch nach vielen Jahren keine Fasern lösen. Doch mit den VAE-Dispersionen von WACKER hat Edel jetzt eine Rückenbeschichtung, die sich perfekt verarbeiten lässt, im Alltag tadellos ihre Aufgabe erfüllt – und darüber hinaus einige andere Vorteile hat. Der fehlende Geruch ist nur einer von ihnen.

Der typische Geruch, der sich nach dem Verlegen von Teppichen für einige Tage im Raum ausbreitet, kommt von den herkömmlichen Bindemitteln aus Styrol-Butadien (SB), wie Dr. Holger Künstle erklärt. Künstle leitet das anwendungstechnische Labor „Teppich“ bei WACKER POLYMERS in Burghausen. In den letzten Monaten haben der Chemiker und seine Labormitarbeiter viele Quadratmeter Teppich in den Händen gehabt.

Brennkammer-Test: Aufnahmen aus einem Brennkammer-Test gemäß der Norm DIN 4102-1 im Teppichlabor von WACKER in Burghausen. Getestet wurden sowohl VAE-Dispersion als auch Latex aus Styrol-Butadien, die jeweils mit 150 Prozent Calciumcarbonat als Füllmittel versetzt waren. Die Bilder oben zeigen, dass die VAE-basierten Filme selbsterlöschend sind (1A, 1B), während Filme auf Basis von SB-Latex unter Entwicklung von schwarzem Rauch verbrennen (2A, 2B). Bindemittel auf VAE-Basis ermöglichen deshalb Formulierungen, die weniger flammhemmende Additive benötigen.

Geringe Entflammbarkeit

Zusammen mit den Technikern von Edel arbeitete Dr. Künstles Team an der optimalen Formulierung, denn jeder Hersteller hat seine eigene Rezeptur, die an die vorhandenen Maschinen angepasst ist. Die fertig beschichteten Test-Teppiche gingen bei Künstle auch in die praktische Prüfung. Maschinen simulieren Schuhe, die tausendfach über den Teppich gehen oder rollende Bürostühle.

Besonders beeindruckt war Dr. Künstle von den Versuchen in der Brennkammer seines Labors, bei denen er Filme von Teppichcompounds mit VAE und Styrol-Butadien in Brand setzte. Seine Beobachtung: Compounds auf Basis von VAE sind schwerer entflammbar als solche, die mit SB-Latex formuliert wurden. Bei bestimmten flammhemmenden VAE-Typen gehe das Feuer sogar von selbst wieder aus, während SB-Latex vollständig unter schwarzem Rauch verbrenne. Sind die Teppichrücken mit Bindemitteln auf VAE-Basis verklebt, müssen somit deutlich weniger Flammschutzmittel wie Aluminiumhydroxid hinzugefügt werden. Teppichböden, deren Rücken mit VAE beschichtet werden, eignen sich wegen ihrer geringeren Entflammbarkeit deshalb ganz besonders für brandschutzsensible Anwendungen im Objektbereich, zum Beispiel in Hotels und Büros, im Flugzeug- und Schiffsbau.

„Bei unseren Versuchen konnten wir feststellen, dass bei einer Beschichtung mit VAE die gesamten Emissionen von flüchtigen organischen Komponenten deutlich niedriger sind als bei der Verwendung von SB-Latex“

Dr. Mike de Lange Produktionsleiter, Edel Backing
Eine erfolgreiche Kooperation: Dr. Mike de Lange (Produktionsleiter Edel Backing), Feike van der Heide (Business Director für das Dispersionsgeschäft von WACKER POLYMERS in EMEA), Robert Tangelder (Business Development Manager für das Dispersionsgeschäft von WACKER POLYMERS in EMEA) und Willem van der Meer (Einkäufer Edel Group)

Niedrige VOC-Emissionswerte

Auch in der Emissionsprüfung zeigen sich die Vorteile von VAE-Dispersionen. Wegen ihrer großen Oberfläche können Bodenbeläge flüchtige organische Verbindungen (volatile organic compounds, VOC) in die Umgebung abgeben. Bodenbeläge, die das GUT-Signet der Gemeinschaft umweltfreundlicher Teppichboden, einer Initiative europäischer Teppichhersteller, führen dürfen, haben vorher umfangreiche Schadstoffprüfungen über sich ergehen lassen. Getestet wird unter anderem auf Weichmacher, Biozide, Pestizide, Aromaten, Kohlenwasserstoffe, Aldehyde und Ketone. Darüber hinaus findet eine sensorische Geruchsprüfung statt. „Bei unseren Versuchen konnten wir feststellen, dass bei einer Beschichtung mit VAE die gesamten Emissionen von flüchtigen organischen Komponenten deutlich niedriger sind als bei der Verwendung von SB-Latex“, sagt Dr. Mike de Lange.

Rückenbeschichtungen wurden in Europa seit vielen Jahren nach ähnlichen Rezepturen hergestellt. Schließlich geht es im Teppichgeschäft um Produkte, die über lange Jahre eine Menge aushalten müssen. Da liegt es nahe, auf bewährte Verfahren zurückzugreifen. Auch für die Edel Group ist Tradition ein wichtiger Baustein in der Firmenphilosophie. Schließlich stellt das Familienunternehmen mit 120 Mitarbeitern seit fast 100 Jahren am Stammsitz im niederländischen Genemuiden Teppiche her. Weil sie sich mit Stillstand nicht zufriedengeben, versucht die Edel Group, ständig neue Wege zu gehen. Ein Beispiel ist die Entwicklung von Teppichen auf der Basis von wiederverwertbaren Rohstoffen.

Labormitarbeiterin Kerstin Zeiler beim Noppenauszugstest im Teppichlabor von WACKER: Mit diesem Test wird geprüft, wie gut der Vorstrich die Fasern im Träger einbindet.

Polymere Bindemittel haben eine lange Tradition im Produktportfolio von WACKER. Schon 1928 wurde in Burghausen Vinylacetat aus Essigsäure hergestellt. 1966 gelang es den Forschern dann, Vinylacetat und Ethylen zu einem Copolymer zu vereinigen. Sie schufen ein Bindemittel, das heute aus den unterschiedlichsten Anwendungen nicht mehr wegzudenken ist: VAE-Dispersionen finden sich in Klebstoffen, geruchsarmen Innenraumfarben oder Vliesstoffen, den sogenannten Nonwovens. VAE ist die Kerntechnologie von WACKER POLYMERS.

Einen Schritt voraus

Als Robert Tangelder, Business Development Manager im europäischen Dispersionsteam von WACKER POLYMERS, mit Willem van der Meer, dem Einkaufsleiter der Edel Group, über VAE-Dispersionen zur Teppichrückenbindung sprach, erkannte der Edel-Manager sofort die Chance, etwas Neues zu versuchen. Umgehend setzte er sich mit seinem Kollegen, Dr. Mike de Lange, einem Doktor der Polymerchemie, zusammen, der die technische Kompetenz einbrachte, um die Möglichkeiten einer Innovation auf Basis der VAE-Technologie auszuloten. Dr. Mike de Lange war deshalb auch gleich interessiert, als Robert Tangelder ihm die neuen VAE-Bindemittel speziell für die europäische Teppichindustrie vorstellte. „Robert und ich haben damals beide gerade die Biografie von Steve Jobs gelesen“, erzählt de Lange und grinst. „Manchmal muss man Dinge einfach wagen und nicht lange rumüberlegen. Warum sollten wir das nicht versuchen?“

Die Argumente lagen für de Lange auf der Hand: Mit den Bindemitteln aus VAE hatte er erstmals eine Alternative zum bisher konkurrenzlosen Styrol-Butadien, die sich mit den vorhandenen Maschinen auch verarbeiten lässt. „Kunden aus Skandinavien, einem sehr umweltbewussten Markt, haben mich schon früher gefragt, ob wir die Beschichtung nicht ohne SB hinkriegen können“, erzählt de Lange. Jetzt sah er endlich die Chance auf einen vollwertigen Ersatz.

Der Delaminierungstest prüft die Haftung zwischen Zweitrücken und Teppich.

Das ist für Edel auch deshalb von Bedeutung weil das Unternehmen nicht nur Teppichrücken – im Branchenjargon „Backings“ genannt – für Bodenbeläge aus seiner eigenen Fertigung herstellt. Als Auftragshersteller beschichten die Niederländer auch die Teppiche anderer Produzenten mit ihren Backings. Auf den Maschinen von Edel wird sowohl der Vor- als auch der Zweitstrich ausgeführt. Die dort beschichteten Teppichböden kommen im Wohn- wie im Objektbereich zum Einsatz und sind aus einer breiten Palette von Fasern gefertigt, darunter Polyamid, Polyester, Polypropylen und Wolle.

Der Lisson-Test und der Vettermann-Trommel-Test (s. u.) simulieren die tägliche Belastung, der ein Teppich ausgesetzt ist, wie durch Schuhtritte oder rollende Bürostühle.

Mit Kunden aus der europäischen Teppichindustrie hatte WACKER-Manager Robert Tangelder bis dahin allerdings nichts zu tun gehabt. Dennoch fand Tangelder bei Edel gleich ein offenes Ohr. „Die Edel-Leute verstehen viel von Chemie und arbeiten sehr lösungsorientiert“, sagt er. „Deswegen haben sie die besonderen Eigenschaften des VAE auch so schnell verstanden und an ihre Prozesse angepasst.“

In der Anfangszeit hatte Dr. Mike de Lange durchaus Zweifel. Wenn er SB und VAE parallel im Einsatz hatte, machte sich das unterschiedliche Fließverhalten der beiden Bindemittel bemerkbar. Also musste die VAE-Formulierung angepasst werden. „Oh Gott, was für ein Abenteuer“, dachte de Lange manchmal. Als die Formulierung optimiert war und nach einem halben Jahr intensiver Tests war Edel bereit für den Technologiewechsel. „Ab dem Moment, wo die Produktion komplett auf VAE umgestellt war, war alles gut“, erinnert er sich. Heute seien die Prozesse in der Fabrik mit dem VAE stabiler und gleichmäßiger als vorher, müssten weniger oft angepasst werden. „Auch die Leute in der Produktion sehen die positiven Effekte von VAE während des Produktionsprozesses“, sagt de Lange.

Vettermann-Trommel-Test

Gemeinsam zum Erfolg

Das hört Feike van der Heide gerne. Der Niederländer ist bei WACKER verantwortlich für das Geschäft mit VAE-Dispersionen in der EMEA-Region (Europa, Nahost, Afrika). „Die europäische Teppichindustrie ist für uns ein ziemlich großer und strategisch wichtiger Markt“, sagt er. „Wir haben intensiv daran gearbeitet, mit unserer speziell für Teppiche entwickelten Dispersion VINNAPAS® CA 55 in diesen Markt hereinzukommen. Nun sind wir glücklich, dass wir den Durchbruch geschafft haben.“ Außerdem, sagt van der Heide, sei er sehr stolz über die enge Zusammenarbeit mit einem First Mover wie Edel, der als erster Hersteller seine Produktion vollständig auf VAE umgestellt habe – sowohl für den Vor- als auch für den Zweitstrich.

„Für uns war das auch ein riesiger Schritt“, ergänzt Willem van der Meer von Edel. „Aber wir haben ihn gemacht, weil wir Vertrauen in WACKER haben, als seriösen und großen Partner mit viel Erfahrung – und weil wir viel Unterstützung bekommen haben.“