Bühne frei für Silicon - Wacker Chemie AG


Bühne frei für Silicon

Der israelische Designer Ron Arad erfand für das Londoner Roundhouse Theater eine gigantische 360-Grad-Leinwand, die auf nie dagewesene Weise mit Licht und Material spielt und weltweit Zuschauer begeistert. Gefertigt wurde der sogenannte Curtain Call aus Siliconkautschuk von WACKER.

Diese Leinwand funktioniert von außen und innen. Zuschauer können sie an jeder Stelle teilen und durchschreiten, wodurch sich die projizierten Bilder auf einer zylinderförmig angeordneten Fläche von 500 Quadratmetern um sie herum entfalten. Gleichzeitig gibt die Leinwand aber auch den Blick frei auf die reale Welt dahinter. Denn eigentlich handelt es sich bei ihr um einen gigantischen Vorhang, wie es ihn bis zu seiner Premiere im Sommer 2011 noch nicht gegeben hat. Bestehend aus 5600 Röhren, die von der Decke zum Boden hängen, begeisterte er das Publikum im Londoner Roundhouse Theater, einem ehemaligen Lokschuppen aus dem 19. Jahrhundert. „Curtain Call“ heißt diese 360-Grad-Installation des Industriedesigners und Architekten Ron Arad. „Ich sagte den Zuschauern nicht, wie sie den Vorhang benutzen sollten. Ich wollte, dass sie neugierig und begeistert sind“, erzählte der in London lebende Israeli in einem Interview.

Vielseitiges Material

Der Siliconkautschuk wird in der Zugprüfmaschine im WACKER-Labor in Burghausen auf seine Stabilität hin getestet. Die mechanische Beständigkeit ist wichtig, so dass Zuschauer den Vorhang bedenkenlos berühren können.

Dass seine Idee ein voller Erfolg wurde und seitdem mehrfach auch an anderen Orten eingesetzt wurde, verdankt Arad neben seiner Kreativität auch der Vielseitigkeit des Grundmaterials von „Curtain Call“: Siliconkautschuk. „Die Idee faszinierte uns sofort. Ron hatte eine völlig neue Art im Kopf, unsere Produkte anzuwenden“, sagt Nick Soudah, Geschäftsführer der Firma Silex. Der britische Siliconverarbeiter aus Bordon, 30 Kilometer nördlich von Portsmouth, wusste sofort ein Material mit den geforderten Eigenschaften: ELASTOSIL® Festsilikonkautschuk von WACKER.

Die Klasse der hochtemperaturvernetzenden Siliconkautschuke hat sich seit mehr als 70 Jahren als zuverlässiger Rohstoff für unterschiedlichste Anwendungen bewährt. In der Medizintechnik, der Pharmazie und der lebensmitteltechnischen Industrie gilt sie als Standardmaterial bei der Herstellung von Schläuchen, Dichtungen, Membranen und Formteilen. Durch Zusatzstoffe lassen sich die Eigenschaften variieren. So bringen zum Beispiel Stabilisatoren mehr Hitzebeständigkeit, Farbpasten steuern die Lichtdurchlässigkeit. Durch Zugabe eines Katalysators verbinden sich beim Erhitzen die Grundstoffe des Rohkautschuks zu einem dreidimensionalen Netzwerk. Fachleute nennen das Vulkanisation. „Deshalb bieten die Festkautschuke von WACKER eine hohe Elastizität mit guten mechanischen Werten“, erklärt Dr. Andreas Bacher, Anwendungstechniker bei WACKER SILICONES.

Für den Curtain Call wählte der britische Verarbeiter Silex einen lichtdurchlässigen Siliconkautschuk.

So können die Zuschauer den Vorhang bedenkenlos berühren und sogar daran ziehen, ohne ihn zu beschädigen. „Durch seine hohe Transluzenz, also seine Lichtdurchlässigkeit, kann das Publikum darauf projizierte Bilder von allen Seiten sehen – ideal für das Leinwandprojekt“, erklärt WACKER-Chemiker Andreas Bacher. Bei der Herstellung des Vorhangs wird der Siliconkautschuk vulkanisiert – also in ein Elastomer verwandelt. Dies kann mit organischen Peroxiden oder platinkatalysierten Additiven geschehen. Silex griff auf Platin-vernetzendes System zurück. Zudem waren für Arads Vorhaben einige Anpassungen des üblichen Herstellungsverfahrens nötig. „Dank unserer langjährigen Erfahrung wussten wir schnell, wie die Probleme zu lösen waren“, erklärt Nick Soudah.

Beidseitige Betrachtung

Zunächst musste die Lichtdurchlässigkeit sicher gestellt werden, um ein beidseitiges Betrachten der Vorführungen ermöglichen. Mit additionsvernetzenden Systemen erreichte Silex die gewünschte Klarheit der Siliconröhren und schützte sie zudem vor dem Vergilben. Eine weitere Herausforderung war die Länge der Röhren. Zu Beginn der Herstellung wurde der Grundstoff erhitzt und anschließend durch den Extruder in die passende Form gepresst. „Ein mehrmaliges Erhitzen, wie sonst häufig üblich, hätte die Röhren unflexibel gemacht“, weiß Nick Soudah. Nachdem sie auf die entsprechende Länge zugeschnitten waren, wurden sie gerade liegend gelagert. So entstanden aus einem knetartigen Grundstoff die 5600 Röhren mit einem Durchmesser von einem Zentimeter und einer Länge von acht bis zehn Metern. Hintereinander aufgereiht ergeben sie eine Strecke von 37 Kilometern. Die Qualität des Materials hätte auch eine Stranglänge von 20 Metern zugelassen, „aber danach hat noch niemand gefragt“, sagt Nick Soudah.

Lange, flexible Röhren

Die hinterleuchtete Curtain-Call-Installation macht es möglich, verschiedene Bildelemente oder auch Filme aufzuspielen.

Die beeindruckende Vorführung machte auch andere Kunden auf Silex aufmerksam. 2012 wurde der Vorhang unter dem Titel „720°“ im Israel-Museum in Jerusalem als Bühne für mehrere Film- und Musikevents aufgebaut. Der Autokonzern Ford nutzte das Konzept für seinen Auftritt auf der Internationalen Automobil Ausstellung 2013 in Frankfurt. Seine neuen Automodelle durchfuhren bei ihrer Premiere vor Publikum den Vorhang. Das Olympische Museum in Lausanne (Schweiz) erwarb einen ähnlichen Vorhang für seine Dauerausstellung. Auch das britische Modelabel Top Shop hat das Prinzip der langen flexiblen Röhren für sich entdeckt. Unterschiedlich gefärbt wurden sie über Verkaufsflächen gespannt und symbolisierten so die Saiten einer Harfe. Das Roundhouse wiederholte seinen Erfolg mit „Curtain Call“ zum 50-jährigen Jubiläum des Theaters im Jahr 2016.

Für Silex-Chef Soudah ist der Vorhang ein Beispiel dafür, wie vertraute Materialien durch Innovation und Kreativität etwas völlig Neues erschaffen können. Bei der Premiere 2011 in London war er selbst als geladener Gast anwesend – und wird den Abend nie vergessen: „Ich war stolz und beeindruckt, unser Produkt in Aktion zu erleben. Mir stellten sich die Nackenhaare auf.“