Teppiche im Härtetest - Wacker Chemie AG


Teppiche im Härtetest

Bei WACKER in Dalton verbrennen die Mitarbeiter neue Teppiche und traktieren sie tagelang mit Bürostuhlrollen – alles zum Nutzen des Kunden.

Bis zu 25.000 Mal schleudert der Motor das Untergestell eines Bürostuhls über das Teppichmuster. Mit einer Belastung, die einem Körpergewicht von 90 Kilogramm entspricht, rasen die Rollen über den Teppichflor. Die Bewegung verläuft in exzentrischen Kreisen. Immer wieder ändert die Maschine die Richtung, damit die Rollen den Teppich von allen Seiten traktieren können.

Der Stuhlrollentest ist nur ein ISO-Prüfverfahren, mit dem John McClurken und sein Team im WACKER Technical Center in Dalton (Georgia) in wenigen Stunden simulieren, was einem Teppich über mehrere Jahre widerfährt. Dass sich WACKER für die Strapazierfähigkeit von Teppichen interessiert, hat einen Grund. Ihre Lebensdauer hängt entscheidend von der Rückenbeschichtung ab, also der Schicht des Teppichs, wo die Florschlaufen im Trägermaterial verankert werden. Genau hierfür liefert WACKER Bindemittel mit dem Namen Vinylacetat-Ethylen-Copolymer- oder VAE-Dispersionen.

Nabel der amerikanischen Teppichindustrie

Aus dem US-Bundesstaat Georgia kommen 45 % der Welt-Teppichproduktion. Zentrum der amerikanischen Teppichindustrie ist Dalton. Die Kleinstadt ist Sitz des WACKER Forschungs- und Trainingszentrums für die Teppichbranche.

John McClurken, leitender Chemiker des WACKER Forschungs- und Trainingszentrums in Dalton, betreut seit mehr als zwei Jahrzehnten Kunden aus der Teppichbranche. Der umtriebige Applikationschemiker, seit 2009 bei WACKER, weiß, wo seine Kunden der Schuh drückt. Von seinem Büro in Dalton fährt er zu den meisten großen Teppichherstellern nicht länger als eine Stunde.

Ein Gradmesser für die Laune seiner Kunden ist der Ölpreis. Denn die auf synthetischem Latex (Styrol-Butadien-Latex) basierenden Mischungen, mit denen die meisten Teppichrücken beschichtet sind, werden aus Erdöl hergestellt. Als der Ölpreis 2012 auf neue Höchstwerte kletterte, schlug die Stunde von McClurken. Unermüdlich überzeugte er die Teppichfabrikanten von den Vorzügen der VAE-Bindemittel. Da VAE aus dem in den USA preisgünstigen Erdgas gewonnen wird, bot es einen erheblichen Kostenvorteil. Anfangs waren die Vorbehalte groß. „Doch als der Preisunterschied immer größer wurde, sagte der Erste: Okay, wir probieren es.“


„Wir waren alle ein Team“

„Man kann nicht innovativ sein, wenn man seinem Kunden kein Partner ist“, glaubt McClurken, leitender Chemiker am WACKER Forschungs- und Trainingszentrum in Dalton.

Monatelang arbeitete McClurkens Team mit den Technikern des Herstellers an einer passenden Rezeptur. Dabei ging es nicht nur darum, die richtige Zusammensetzung für die Teppichrückenbeschichtung zu finden. Die Formulierung musste auch optimal an die Maschinen des Herstellers angepasst sein. „Wir waren wirklich alle ein Team“, erinnert sich McClurken.

Ob die neue Rezeptur hält, was sie verspricht, sollte die Praxis zeigen. Ein Jahr lang wurden Schulen, Kirchen, Bürogebäude und Wohnhäuser mit vielen Quadratmetern neuen Teppichs ausgelegt. Zeitgleich simulierten die WACKER Techniker im Labor das tausendfache Rollen eines Bürostuhls. Bei den Herstellern ließ man indes tagelang eine Metallkugel in einer mit Teppich ausgekleideten Trommel rotieren. Das Ergebnis: Die VAE-Bindemittel sind ein vollwertiger Ersatz für das bisher verwendete Styrol-Butadien-Latex; und das bei niedrigeren Kosten. In kurzer Zeit stellten viele große Teppichproduzenten der USA auf VAE-Rückenbeschichtungen um.

VAE steht für Langlebigkeit

WACKER Carpet Lab: Beim Delaminationstest wird geprüft, wie fest die Bindung zwischen Teppichrücken und Nutzschicht ist.

Heute, vier Jahre später, hat sich der Ölpreis halbiert. Schwingt das Kostenpendel deshalb wieder zurück zu Styrol-Butadien-Latex? Erstaunlicherweise nur bei den günstigen Produktvarianten. Im Gewerbebereich bleiben VAE-beschichtete Teppiche vielfach erste Wahl.

Gewerbliche Kunden wollen Sicherheit. Ein Teppich in einem Hotelzimmer, einer Schule oder einem Büro muss langlebig sein. Außerdem darf er kein Gesundheits- oder Sicherheitsrisiko darstellen. Wegen ihrer ausgezeichneten Strapazierfähigkeit, den niedrigen Emissionswerten und dem guten Flammschutz greifen viele Raumausstatter daher zu VAE-beschichteter Auslegeware. So sorgt zum Beispiel die starke Bindekraft der VAE-Dispersionen dafür, dass sich Teppichrücken und Flor nur schwer von einander lösen.

Von Anfang an ein gutes Raumklima

Jeder kennt wahrscheinlich den Geruch von neuem Teppich, der von ausgasenden Nebenprodukten des Styrol Butadien Polymers verursacht wird. Als Hotelgast würden Sie so ein Zimmer wahrscheinlich reklamieren. Folglich empfehlen immer mehr Architekten ihren Kunden die VAE-gebundene Alternative. Der Vorteil: Die wasserbasierten VAE-Teppichrückenbeschichtungen emittieren kaum flüchtige organische Verbindungen. Entsprechend fehlt der typische Teppichgeruch.

Auch beim Brandschutz können die VAE-Rückenbeschichtungen punkten. Anders als mit Styrol Butadien formulierte Beschichtungen sind Teppichrücken auf VAE-Basis von Natur aus schwerer entflammbar. Wie schwer, können WACKER Kunden beim Brennkammertest beobachten. Styrol-Butadien-Beschichtungen verbrennen vollständig unter schwarzem Rauch. Dafür ist primär die Styrol-Komponente verantwortlich. Bei den VAE-Typen, die kein Styrol enthalten, zeigt sich ein ganz anderes Bild. Werden sie entzündet, entwickelt sich kaum Rauch. In vielen Fällen erlischt das Feuer ganz von selbst. Dass VAE-gebundene Teppiche einfach die bessere Alternative sind, müssen John McClurken und sein Team dann gar nicht mehr erklären.

Eine harte Prüfung

Mittels standardisierter Tests simulieren die WACKER Experten in Dalton die tägliche Belastung von Teppichen. Im Fokus stehen Fragen wie: Ist die Widerstandsfähigkeit hoch genug für den anvisierten Einsatzbereich? Wann stellt sich Verschleiß ein?

Teppichtests WACKER Technical Center Dalton

  • Stuhlrollentest

    Der Stuhlrollentest simuliert das tausendfache Rollen eines Bürostuhls über einen Teppich.

  • Vettermann-Trommeltest

    Beim Vettermann-Trommeltest rotiert eine Metallkugel tagelang in einer mit Teppich ausgekleideten Trommel.

  • Lisson-Tretradtest

    Der Lisson-Tretradtest oder Schuhsohlentest prüft, wie sich der Teppich bei starkem Publikumsverkehr verhält.

  • Delaminationstest

    Beim Delaminationstest wird die Bindung des Zweitrückens an den Teppichflor geprüft. Je fester der Verbund, desto strapazierfähiger der Teppich.

  • Noppenauszugstest

    Beim Noppenauszugstest wird die die Einbindung der Teppichfasern im Trägermaterial bestimmt.

  • Brennkammertest

    Beim Brennkammertest werden Teppichmuster in Brand gesetzt. Interessant: VAE-gebundene Teppiche sind deutlich schwerer entflammbar als die Modelle auf SB-Latex-Basis.