Zweiter Weltkrieg und ein Neuanfang - Wacker Chemie AG


Zweiter Weltkrieg und ein Neuanfang

Die Aufrüstungspolitik der Nationalsozialisten sorgt in den 1930er-Jahren zunächst dafür, dass WACKER weiter expandiert. Die Nachfrage nach chemischen Produkten steigt. Ende 1939 besteht die Belegschaft in Burghausen aus 2.365 Mitarbeitern. Doch es brechen dunkle Zeiten an.

Bundeskanzler Ludwig Erhard ließ sich anno 1965 die Siliconproduktion in Burghausen zeigen.

Wie in vielen Unternehmen kommt es auch in Burghausen zu Repressalien und Übergriffen gegen jüdische Mitarbeiter. So wird der Chefchemiker Eugen Galitzenstein in der Reichspogromnacht bedroht und festgenommen. Anschließend wird er in Dachau interniert, kommt jedoch auf Betreiben der WACKER-Geschäftsleitung nach sechs Wochen wieder frei. 1939 emigriert er nach England, ebenso der langjährige Geschäftsführer des Consortiums Martin Mugdan.

Nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges werden nahezu alle Betriebe von WACKER sukzessive als kriegswichtig eingestuft. Für das Unternehmen ist das ein wichtiger Schritt. Firmen, die nicht als kriegswichtig eingestuft waren, wurden ab 1943 konsequent geschlossen. Im Werk Burghausen werden chemische Grundstoffe wie Acetaldehyd, Essigsäure oder Chlor produziert. Im Juni 1942 wird das Werk West eingeweiht, in dem PVC- und PVA-Kunststoffe hergestellt werden. Im November desselben Jahres nimmt dort die VINNOL®-Anlage ihren Betrieb auf, die jährlich 3.600 Tonnen PVC produziert.

Mit zunehmender Kriegsdauer werden immer mehr Mitarbeiter in den Kriegsdienst einberufen – 1944 fehlt dadurch rund ein Drittel der Stammbelegschaft. Sie wird zum großen Teil durch so genannte „Fremdarbeiter“ ersetzt, also durch zivile Arbeitskräfte aus dem Ausland und durch Kriegsgefangene. Im Jahr 2000 beteiligt sich WACKER an der „Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ für Kompensationszahlungen an ehemalige Zwangs- und Fremdarbeiter.

Das Werk in Burghausen bleibt während des Krieges weitgehend von Bombenangriffen verschont. In den letzten Kriegstagen setzen WACKER-Mitarbeiter einige Nationalsozialisten fest, um Zerstörungen im Werk zu verhindern. Wenig später tauchen SS-Männer auf und nehmen die Widerstandskämpfer fest. Am 28. April 1945 werden der Buchhalter Jakob Scheipel, der Oberwerkmeister Ludwig Schön und der Vorarbeiter Josef Stegmair von einem Standgericht zum Tode verurteilt und im Werkhof erschossen. Heute erinnert eine Gedenktafel im Werk an die mutigen Männer. In Burghausen selbst wurden Straßen nach ihnen benannt.

Mit viel Handarbeit füllten WACKER-Mitarbeiterinnen im Jahr 1966 Siliconprodukte in Kartuschen ab.

Zwischen Mai und Oktober 1945 ruht der Werkbetrieb in Burghausen weitgehend. Die Alliierten denken darüber nach, das Unternehmen zu zerschlagen. Aber Unternehmensleitung und Belegschaft kämpfen für WACKER und haben damit Erfolg. Die Anlagen laufen nach und nach wieder an. Bis 1948 produziert WACKER anders als bisher nicht nur Vor- und Zwischenprodukte, sondern auch Endprodukte für den Verbraucher: Fahrradschläuche, Schuhsohlen, Bodenbeläge, aber auch Back- und Seifenpulver. Eine Transportlogistik gibt es nicht mehr. Viele Kunden müssen ihre Waren deshalb selbst mit dem Lastwagen abholen.

Im April 1947 hören der Produktionsleiter und der Chefchemiker des Burghausener Werkes in Heidelberg den Vortrag eines jungen Chemikers zum Thema: „Siliciumhaltige Kunststoffe.“ Sie engagieren den jungen Forscher vom Fleck weg: Siegfried Nitzsche erhält ein behelfsmäßiges Labor im Keller. Er erforscht dort Siliconöle und -harze und wird später zum Vater der WACKER-Silicone. 1949 gelingt Nitzsche und seinen Kollegen erstmals eine eigene Silansynthese. Wenig später geht der erste Silanofen in Betrieb. Im selben Jahr wird in Burghausen eine verbesserte Vinylacetatanlage angefahren. Und es startet die Produktion von Acetylaceton.

Die Jahre 1953/1954 werden für das Werk in Burghausen zu Jahren großer Umwälzungen: Auf der einen Seite wird die Produktion von Schellack und Aceton eingestellt, zwei der wichtigsten Produkte in den Anfangsjahren. Auf der anderen Seite beginnt der Chefchemiker Eduard Enk damit, in Burghausen systematische Forschungen zur Herstellung von Reinstsilicium zu betreiben. Damit legt er die Basis für das Halbleitergeschäft von WACKER, das bis heute zu den wichtigsten Geschäftsbereichen zählt. Bereits 1955 werden die ersten Siliciumstäbe produziert. In den folgenden Jahren entsteht in Burghausen ein neuer Reinstsilicium-Bau. Dort gehen bis 1961 mehrere Anlagen zur Erzeugung von Reinstsilicium in Betrieb.

Parallel dazu wächst die Produktpalette der Silicone. 1957 gibt es bereits mehr als 200 Produkte. In Burghausen werden neue Anlagen und Gebäude errichtet, darunter eine 19 Meter hohe Rohsilankolonne und ein Tanklager für Rein- und Zwischenprodukte. Doch nicht nur auf der Produktionsebene tut sich viel: Im gleichen Jahr eröffnet das neue Belegschaftshaus in Burghausen, ein Sozialbau mit Speisesälen für 2.000 Personen, einer Bibliothek und einer Kegelbahn.

Am 3. August 1965 kommt Bundeskanzler Ludwig Erhard zu Besuch nach Burghausen. Er lässt sich die Siliconproduktion zeigen, die in dieser Zeit einen rasanten Aufschwung nimmt. Von 1957 bis 1967 verfünffacht sich der Jahresumsatz von Kunststoffen auf Siliciumbasis nahezu, auf 37,8 Millionen D-Mark.

Im Dezember 1968 wird in Burghausen die „Wacker Chemitronic Gesellschaft für Elektronik-Grundstoffe mbH“ gegründet, aus der später die heutige Siltronic entsteht. Ein Jahr später gehen zwei neue Großanlagen mit über 50 Meter hohen Kolonnen in Betrieb. Dort wird das Vorprodukt Trichlorsilan destilliert und reinstes Polysilicium hergestellt.

Wenig später beginnt ein neues Zeitalter: ein globaler Konzern wächst heran.