In der Parallelwelt - Wacker Chemie AG


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In der Parallelwelt

Die angehenden Chemikanten nehmen an der Destillationsanlage Proben und analysieren sie; die Azubis in der Elektrowerkstatt sitzen am Computer und programmieren die Prozessleitsysteme; die Industriemechaniker schneiden Gewinde und biegen feine Rohrleitungen. Im BBiW, dem Berufsbildungswerk in Burghausen, gibt es oft ganz ähnliche Arbeitsabläufe wie in der nur wenige hundert Meter entfernten Wacker Chemie AG. Und das, sagen die Ausbilder, sei durchaus so gewollt.

Im Berufsbildungswerk bilden knapp 40 Ausbilder fast 700 Lehrlinge aus. Hier im Bild: Maria Obereisenbuchner, Josef Schustereder, Dr. Wolfgang Neef (Leiter des BBiW), Thomas Lindner, Walter Niedermeier (von links).

Maria Obereisenbuchner, 26, Walter Niedermeier, 44, Thomas Lindner, 47 und Josef Schustereder, 58 – das sind vier von insgesamt knapp 40 Ausbildern, die im BBiW rund 680 Azubis fit fürs Berufsleben machen. Alle vier haben ihren Berufsweg bei WACKER gestartet: Thomas Lindner begann 1982 eine Lehre als Energieanlagen-Elektroniker und legte später die „Meisterprüfung im Elektrohandwerk“ ab. Josef Schustereder kam 1984 als Anlagenfahrer zu WACKER. Ein paar Jahre später absolvierte er seine Fortbildung zum Chemikanten. 1996 schließlich legte er erfolgreich die Prüfung zum „Industriemeister Chemie“ ab.

Walter Niedermeier startete bei WACKER 1985 mit seiner Ausbildung zum Betriebsschlosser und anschließend zum Schmelzschweißer. Auch er ließ sich später zum Meister und zusätzlich zum DVS-Lehrschweißer fortbilden. Bei Maria Obereisenbuchner ist es noch gar nicht so lange her, dass sie selbst als „Azubine“ das BBiW besuchte und sich zur hier zur Industriemechanikerin ausbilden ließ. Ihre Abschlussprüfung legte sie im Jahr 2007 ab, sammelte anschließend mehrere Jahre Betriebserfahrungen bei WACKER, bevor Sie 2013 als Ausbilderin zum BBIW wechselte.

Alle vier merkten irgendwann, dass es sie reizte, ihre beruflichen Erfahrungen an andere weiterzugeben. Keiner von ihnen hat den Wechsel von WACKER zum BBiW bereut, auch wenn der Job als Ausbilder alles andere als einfach ist. „Wir bilden Hauptschüler und Abiturienten gemeinsam aus, die Bandbreite unserer Azubis ist sehr groß“, sagt Walter Niedermeier, „unsere Kunst besteht darin, aus diesen sehr unterschiedlichen Menschen eine Gruppe zu formen.“ Wie das geht? „Gezielt bilden wir Gruppen mit leistungsstarken und leistungsschwächeren Azubis.“ Und bei eventuellen Auffälligkeiten stimmen sich die Ausbilder untereinander ab, wie sie einen Azubi am besten fördern können.

Ein wichtiger Schlüssel dafür ist nicht so sehr Strenge, sondern Wertschätzung. „Ich erinnere mich an einen Azubi, der kam hier mit einem knallroten Irokesen-Haarschnitt an und hatte überhaupt keinen Bock“, sagt Josef Schustereder, „nach drei Wochen war er als Erster da und ging als Letzter raus.“ Schustereder hatte ihm anspruchsvolle Aufgaben gestellt und ihm gesagt: „Du hast zwei Stunden Zeit, bring mir das Ergebnis.“ Der Junge merkte rasch, dass er handwerklich begabt war und ihm die Arbeit sogar Spaß machte. Nach drei Jahren hatte er immer noch rote Haare, aber er erzielte eines der besten Prüfungsergebnisse.

Die intensive Ausbildung in den Werkstätten und Laboren des Berufsbildungswerks garantiert eine enge Verzahnung von Theorie und Praxis.

Die Ausbilder im BBiW arbeiten übrigens nicht ausschließlich mit Jugendlichen, sondern sie leiten auch Fortbildungen und Fachlehrgänge. Auf 11.000 Quadratmetern gibt es Chemie- und Physiklabore, Computerräume und mehrere Werkstätten, von der Dreherei bis zur Schweißstätte. Und es gibt WACKER-Produktionsanlagen im kleineren Maßstab – hier können die Azubis genau die Handgriffe und Abläufe lernen, die sie später auf dem Werkgelände brauchen.

Gegründet wurde das BBiW 1969 als Stiftung der WACKER Chemie AG. Die Ausbilder sind nach wie vor bei WACKER angestellt. Aber es gibt noch mehr als 21 weitere Unternehmen aus der Region, die ihre Nachwuchskräfte im BBiW ausbilden lassen.

Seit dem Siegeszug des Internets haben sich Stärken und Schwächen vieler Azubis verändert. „Das handwerkliche Geschick hat nachgelassen“, sagt Thomas Lindner, „kaum jemand schnitzt heute noch mit einem Taschenmesser. Und die Hälfte unserer Azubis hat noch nie einen Fahrradschlauch geflickt oder eine elektrische Bohrmaschine in der Hand gehabt.“

Auf der anderen Seite können viele hervorragend mit dem Computer umgehen. Und der Umgang mit Blechschere und Schraubstock wird heute eben im ersten Ausbildungsjahr im BBiW gelernt – am Ende sind die Absolventen genauso fit in ihren Berufen wie frühere Jahrgänge. Die Anzahl weiblicher Auszubildenden hat sich übrigens in den technischen Berufen während der letzten Jahre trotz intensiver Marketingmaßnahmen nur unwesentlich erhöht, sie liegt in der Größenordnung von 10 Prozent. „Im Chemiebereich ist der Frauenanteil deutlich höher, je nach Ausbildungsberuf schwanken hier die Werte zwischen 50 und 80 Prozent“, sagt Maria Obereisenbuchner.

Die Ausbilderinnen und Ausbilder bilden sich übrigens ebenfalls regelmäßig fort. „Der Stand der Technik und die Prüfungsordnungen ändern sich“, sagt Josef Schustereder, „da müssen auch wir immer am Ball bleiben.“ Einmal im Jahr gibt es allerdings einen „Pflichttermin“, an dem die Ausbilder alle Prüfungsordnungen vergessen. „Das ist im Mai“, so Schustereder, „wenn alle Mitarbeiter des BBiW nach Feierabend gemeinsam die Burghausener Maiwiesn besuchen.“